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Nofretete
Jugend-Erinnerungen
Auch wenn es schon
lange her ist, so kann ich mich noch deutlich an meine Jugend im Land
Mitanni erinnern. Mein Vater Tuschratta erzählte mir damals die Geschichte
von seiner Schwester Giluchepa, die sein Vater Schuttarna mit einem grossen
Gefolge von 317 Frauen auf die weite Reise in das Land Kemet, das Schwarze
Land, geschickt wurde, um den grossen Pharao Amen-hotep III zu heiraten.
Immer wieder hörte ich die Worte: "Die Verbindung mit dem Land
Kemet ist eines der wichtigsten Ziele unseres Landes. Denn unser Land
hier zwischen den beiden Strömen, die nach Süden fliessen, ist
immer in Gefahr vor habgierigen Nachbarn. Kemet ist ein starker Garant
für unsere Sicherheit und daher sind gute nachbarschaftliche Beziehungen
für unsere Zukunft von grosser Bedeutung."
Ich ahnte damals noch nicht, dass im Kopf meines Vaters ähnliche
Gedanken wie bei seinem Vater kreisten. Aber eigentlich hätte ich
es wissen können, denn nicht umsonst hatte mein Vater aus dem Land
Kemet einen Erzieher angefordert, der mich - kaum hatte ich das sechste
Jahr vollendet - in die Sprache, die Schrift und die Gepflogenheiten des
Landes am Nil unterwies.
"Taduchepa," so sagte er immer wieder zu mir, "ein Mädchen
wie du, aus so angesehenem Hause, muss wissen, was in der Welt geschieht.
Und Kemet ist nun einmal das grösste, reichste und stärkste
Land unter der Sonne. Denke an deine Tante Giluchepa, bei ihr hat dein
Grossvater Schuttarna es versäumt, sie rechtzeitig auf andere Anforderungen
vorzubereiten. Du hast sicher ihre Briefe gelesen, in denen sie darüber
klagt, dass sie nicht geringe Schwierigkeiten im Umgang mit den anderen
Frauen des Harems und vor allen mit den Dienern und Dienerinnen hat, weil
sie ihre Sprache nicht so gut beherrscht. Über den Umgang mit dem
Guten Gott schweigt sie allerdings. Und wer weiss, was das Schicksal für
dich noch für Pläne hat."
Ich sah meinen Vater lief oft mit einem sorgenvollen Gesicht durch den
Palast gehen. Häufig kniete er zusammen mit einem der Priester in
der Kapelle, die in einem Seitenflügel lag, und betete zu unseren
Göttern. Neugierig, wie ich als Kind schon war, fragte ich ihn eines
Tages, warum er so sorgenvoll dreinblicke und immer wieder die Götter
anflehte. Zuerst war er etwas unwirsch, aber dann gestand er mir, dass
sich anscheinend für unser Land eine grosse Gefahr im Norden zusammenbraute.
Immer wieder überfielen Krieger aus Chatti die westlich von uns gelegenen
kleinen Länder, die eigentlich unter dem Schutz Kemets standen. Der
Herrscher von Chatti, Schupiluliuma, tat zwar in seinen Schreiben immer
so, als ob er in Frieden mit seinen Nachbarvölkern leben wollte,
aber die Botschaften aus dem Land der Zedern, aus Palästina und aus
Syrien, die uns erreichten, sagten genau das Gegenteil. Mein Bruder Amen-hotep
in Waset kann sich nicht durchringen, endlich eine grosse Streitmacht
in diese Gegend zu schicken, um diesen Nadelstichen einen Einhalt zu gebieten.
Pharao Thotmes III, der gar nicht lange vor ihm regierte und die Länder
wieder für Kemet gewonnen hatte, wäre schon längst mit
Truppen aufmarschiert und hätte für Ordnung gesorgt. Dabei brauchen
sie das Holz der Zedern aus den Bergen so dringend für ihre vielen
Schiffe auf dem Nil. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn diese
Länder an Chatti fielen. Und was mich besonders besorgt macht: In
Chatti hat man ein neues Metall entdeckt, das härter und geschmeidiger
ist als unsere Waffen aus Kupfer und Bronze und sich für die Herstellung
von Schwertern und Lanzen besser eignet.
Dabei schaute er mich immer so durchdringend und nachdenklich an. Ich
war seine Lieblingstochter und ich hatte stets das Gefühl, als ob
in ihm zwei gegensätzliche Wünsche kreisten und er sich wohl
nur schweren Herzens zu einer Lösung durchringen konnte.
Auszüge aus dem ersten Kapitel über Nofretete
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