Auszüge aus dem Buch "Tagebücher vom Nil" Teil 2
Nofretete
 
 

Nefertiti (Nofretete)

Die erste Begegnung mit Amen-hotep (Echnaton)

Die Ereignisse der letzten Tage haben viel Zeit gefordert, so dass meine Eintragungen ins Tagebuch darunter gelitten haben. Trotz dieser Anforderungen habe ich mich davon überzeugt, dass meine Begleiterinnen und Diener gut untergebracht waren. Zwar war nicht jeder zufrieden, das würde sich jedoch im Lauf der Zeit ändern.
Heute sollte die erste Zusammenkunft mit Amen-hotep stattfinden. Meine neuen Dienerinnen gaben sich grosse Mühe, mich möglichst vorteilhaft zu schminken und auszustatten. Ein weisses hochgeschlossenes Plisseekleid und goldene Sandalen seien auf jeden Fall etwas, was mir gut stünde. Als einzige Remineszenz an meine frühere Zeit hatte ich bisher mein hochgestecktes Haar behalten. Man wies mich jedoch darauf hin, dass bei den ungewöhnlich heissen Temperaturen und vor allem wegen des vielen Ungeziefers das Abschneiden und Rasieren der Kopfhaare die beste Lösung sei. So hatte ich mich auch bereits nach hübschen Perücken umgesehen und meine Wahl fiel auf die zur Zeit modernen Kurzhaarperücken aus Nubien.
Ein Diener führte mich hinaus in den kleinen Park, wo Amen-hotep bereits auf einem Stuhl sass. Er erhob sich, als er mich sah, ergriff meine Hände mit seinen Händen und sagte: "Willkommen im Lande Kemet, schöne Tochter des Königs Tuschratta von Mitanni - er möge Millionen von Jahren leben!"
Er bot mir den zweiten Stuhl an, drehte sich um und schnipste mit den Fingern. Ein Diener erschien und stellte zwei Gläser mit einem grüngelblich gefärbten Getränk auf den Tisch zwischen uns. "Ich brauche euch nicht mehr, ihr könnt euch zurückziehen," sagte er. Der Diener verbeugte sich und verschwand im Inneren des Palastes.
Ein kurzer Moment des Schweigens trat ein. Ich wollte ihm das Gefühl geben, dass er derjenige sei, der das Gespräch an sich nahm.
"Wie gefällt es dir in Waset und besonders hier bei uns im Palast von Neb Maat Re?" war seine erste Frage, mit der er das Schweigen durchbrach.
Was sollte ich ihm darauf antworten, denn allzu viel hatte ich von der Umgebung noch nicht gesehen. Mein Vater hatte mich dahingehend erzogen, höflich und diplomatisch zu sein, wenn es erforderlich war. So antwortete ich ihm: "Alle hier im Palast sind sehr freundlich zu mir und auch deine Mutter, sie möge Millionen von Jahren leben (das hatte man mir schon als Gruss beigebracht), hat sich zuvorkommend und grosszügig um mich bemüht."
So nebenbei musterte ich ihn. Er trug eine kurze Perücke. Seine Augen waren ein wenig schräg gestellt, darin ähnelte er im gewissen Sinn seiner Mutter. Auffällig waren seine Hände, mir schien, als wisse er manchmal nicht wohin damit. Seine Stimme schien mir etwas hoch, so als müsse er sie noch weiter schulen und ausprägen. Insgesamt machte er einen sanften Eindruck, überhaupt nicht wie ein Mann, dem es bestimmt war, dereinst den Thron des mächtigsten Landes zu übernehmen. Aber nachdem ich seine Mutter kennen gelernt hatte, konnte ich mir lebhaft vorstellen, dass sie in jeder Hinsicht das ihrige dazu beitragen würde, ihn in seine Rolle hineinwachsen zu lassen. Oder sollte gar ich einen wichtigen Part dabei spielen?

 
Echnaton und Nofretete Bücher zumThema Echnaton und Nofretete
Auszüge aus "Tagebücher vom Nil" Teil 1 Auszüge aus "Der Erste Messias"
Startseite www.drvolkmer.de