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Nefertiti (Nofretete)
Die
erste Begegnung mit Amen-hotep (Echnaton)
Die Ereignisse der
letzten Tage haben viel Zeit gefordert, so dass meine Eintragungen ins
Tagebuch darunter gelitten haben. Trotz dieser Anforderungen habe ich
mich davon überzeugt, dass meine Begleiterinnen und Diener gut untergebracht
waren. Zwar war nicht jeder zufrieden, das würde sich jedoch im Lauf
der Zeit ändern.
Heute sollte die erste Zusammenkunft mit Amen-hotep stattfinden. Meine
neuen Dienerinnen gaben sich grosse Mühe, mich möglichst vorteilhaft
zu schminken und auszustatten. Ein weisses hochgeschlossenes Plisseekleid
und goldene Sandalen seien auf jeden Fall etwas, was mir gut stünde.
Als einzige Remineszenz an meine frühere Zeit hatte ich bisher mein
hochgestecktes Haar behalten. Man wies mich jedoch darauf hin, dass bei
den ungewöhnlich heissen Temperaturen und vor allem wegen des vielen
Ungeziefers das Abschneiden und Rasieren der Kopfhaare die beste Lösung
sei. So hatte ich mich auch bereits nach hübschen Perücken umgesehen
und meine Wahl fiel auf die zur Zeit modernen Kurzhaarperücken aus
Nubien.
Ein Diener führte mich hinaus in den kleinen Park, wo Amen-hotep
bereits auf einem Stuhl sass. Er erhob sich, als er mich sah, ergriff
meine Hände mit seinen Händen und sagte: "Willkommen im
Lande Kemet, schöne Tochter des Königs Tuschratta von Mitanni
- er möge Millionen von Jahren leben!"
Er bot mir den zweiten Stuhl an, drehte sich um und schnipste mit den
Fingern. Ein Diener erschien und stellte zwei Gläser mit einem grüngelblich
gefärbten Getränk auf den Tisch zwischen uns. "Ich brauche
euch nicht mehr, ihr könnt euch zurückziehen," sagte er.
Der Diener verbeugte sich und verschwand im Inneren des Palastes.
Ein kurzer Moment des Schweigens trat ein. Ich wollte ihm das Gefühl
geben, dass er derjenige sei, der das Gespräch an sich nahm.
"Wie gefällt es dir in Waset und besonders hier bei uns im Palast
von Neb Maat Re?" war seine erste Frage, mit der er das Schweigen
durchbrach.
Was sollte ich ihm darauf antworten, denn allzu viel hatte ich von der
Umgebung noch nicht gesehen. Mein Vater hatte mich dahingehend erzogen,
höflich und diplomatisch zu sein, wenn es erforderlich war. So antwortete
ich ihm: "Alle hier im Palast sind sehr freundlich zu mir und auch
deine Mutter, sie möge Millionen von Jahren leben (das hatte man
mir schon als Gruss beigebracht), hat sich zuvorkommend und grosszügig
um mich bemüht."
So nebenbei musterte ich ihn. Er trug eine kurze Perücke. Seine Augen
waren ein wenig schräg gestellt, darin ähnelte er im gewissen
Sinn seiner Mutter. Auffällig waren seine Hände, mir schien,
als wisse er manchmal nicht wohin damit. Seine Stimme schien mir etwas
hoch, so als müsse er sie noch weiter schulen und ausprägen.
Insgesamt machte er einen sanften Eindruck, überhaupt nicht wie ein
Mann, dem es bestimmt war, dereinst den Thron des mächtigsten Landes
zu übernehmen. Aber nachdem ich seine Mutter kennen gelernt hatte,
konnte ich mir lebhaft vorstellen, dass sie in jeder Hinsicht das ihrige
dazu beitragen würde, ihn in seine Rolle hineinwachsen zu lassen.
Oder sollte gar ich einen wichtigen Part dabei spielen?
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